Hochbegabung bei Mädchen und Jungen: Warum Mädchen häufiger übersehen werden

Mara sitzt im Morgenkreis und malt still in ihrem Notizbuch. Niemand ahnt, dass sie gerade eine kleine Bildergeschichte entwirft, inspiriert vom gestrigen Regen. Neben ihr erklärt Jonas lautstark, wie eine Brücke gebaut wird – und alle hören zu. Beide sind hochbegabt, beide voller Ideen. Doch während Jonas sofort ins Auge fällt, bleibt Mara oft im Hintergrund. Ein typisches Bild und ein Grund, warum sich ein genauer Blick auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei hochbegabten Kindern lohnt.

Mädchen und Jungen zeigen ihre Begabungen tendenziell auf unterschiedliche Weise. Und zwar nicht, weil ihre Fähigkeiten grundsätzlich verschieden wären, sondern weil soziale Erwartungen und Rollenbilder ihr Verhalten beeinflussen. Mädchen neigen häufiger dazu, sich anzupassen und ihre Fähigkeiten zurückhaltender zu zeigen.

Darüber hinaus sind die Interessen von hochbegabten Mädchen oftmals etwas weniger „auffallend“. Jungen dagegen haben häufig Spezialinteressen und hierbei ein sehr umfangreiches Fachwissen und zeigen dies oft selbstbewusster. Das macht ihre Begabung sichtbarer, manchmal auch in Form von Unruhe oder Regelbrüchen.

Wahrnehmungsfalle „angepasst“: Angepasstes Verhalten bei Mädchen wird oft mit durchschnittlicher Leistung, mit Fleiß oder Sorgsamkeit gleichgesetzt. Das kann verhindern, dass ihre besonderen Fähigkeiten erkannt werden. Bewusstes Beobachten in unterschiedlichen Situationen hilft, Potenziale sichtbar zu machen.

Gezielt und aufmerksam beobachten

Dies kann dazu führen, dass hochbegabte Mädchen übersehen werden und Jungen häufiger getestet werden. Pädagogische Fachkräfte, die sich dieser Muster bewusst sind, können gezielt gegensteuern: gezielter beobachten, Mädchen im Blick behalten und sie dazu ermutigen, ihre Stärken zu zeigen. Sowohl bei hochbegabten Mädchen als auch bei hochbegabten Jungen geht es in erster Linie darum, sie zu sehen, ihre Interessen ernst zu nehmen und sie in ihrer Wissbegierde nicht auszubremsen.

    Impulse für die Praxis
  • Mädchen gezielt in Rollenspiele, Kleingruppen-Situationen oder leitende Aufgaben einbeziehen sowie genau hinschauen und hinhören
  • Jungen in ihren Interessen wahrnehmen und würdigen sowie ihnen Möglichkeiten geben, in ruhigen, kooperativen Angeboten Verantwortung zu übernehmen
  • Bei allen Kindern auf Interessen achten, die nicht den üblichen Rollenbildern entsprechen

Unterschiede in der Entwicklung

Hochbegabte Mädchen und Jungen teilen viele Merkmale: schnelle Auffassungsgabe, ausgeprägte Neugier, oft einen großen Wortschatz. Dennoch zeigen Studien und Praxiserfahrungen, dass sich ihre Entwicklung in manchen Punkten unterscheidet.
Im Vorschulalter schneiden Mädchen in sprachlichen und sozialen Kompetenzen häufig etwas besser ab, Jungen hingegen oft bei räumlich-visuellen Aufgaben. Diese Tendenzen sind statistische Durchschnittswerte. Sie sagen nichts über die Fähigkeiten des einzelnen Kindes aus, können aber Einfluss darauf haben, wie Begabungen wahrgenommen werden.

Einfluss von Erwartungen und Rollenbilder
Gesellschaftliche Erwartungen wirken sich stark auf das Verhalten hochbegabter Kinder aus. Mädchen passen sich oft stärker an, um „nicht aufzufallen“, und zeigen ihre Fähigkeiten weniger offen. Dies mag auch damit zu begründen sein, dass der Wunsch nach Zugehörigkeit bei Mädchen tendenziell stärker ausgeprägt ist. Jungen hingegen neigen eher dazu, sich zu zeigen, was bei Nichtbeachtung auch in Form von störendem Verhalten auftreten kann.

Risiken und Chancen für die Förderung
Bei Mädchen wird Hochbegabung häufiger übersehen, weil sie angepasster und unauffälliger wirken. Jungen werden dagegen schneller getestet, wenn sie durch ihre Wissbegierde oder Unruhe auffallen. Das führt dazu, dass die Zahl hochbegabter Mädchen in Kitas und Schulen unterschätzt wird. Wichtig ist, Mädchen wie Jungen ermutigend zu begleiten. Grundlage ist eine begabungsfreundliche Haltung der Fachkräfte – offen für neue Themen, mit Begeisterung im gemeinsamen Entdecken und unterstützend in der Interaktion.

Hochbegabung in der Kita erkennen – dabei unterstützt die Kleine Füchse Raule-Stiftung. Sie fördert bundesweit die Teilnahme an der dreitägigen Online-Fortbildung zur Begabungspädagogischen Fachkraft. Dort erhalten Erzieherinnen und Erzieher fundiertes Wissen, praxisnahe Beobachtungshilfen und sofort umsetzbare Impulse, um hochbegabte Kinder im Kita-Alltag gezielt zu fördern. Die Fortbildung schließt mit einem Zertifikat ab und wird für bis zu drei Fachkräften pro Einrichtung unterstützt. Hier erfahren Sie mehr über die Fortbildung.