
Ben, vier Jahre alt, hat einen festen Platz in der Kuschelecke. Dorthin zieht er sich zurück, wenn alles „zu viel“ wird. Neulich brach er in Tränen aus, weil sein Bauwerk aus Klötzen umfiel, kurz darauf warf er die Bausteine wütend durch den Raum. Die Erzieherin kennt diese plötzlichen Gefühlsausbrüche. Sie weiß: Ben ist besonders – klug, neugierig, wortgewandt. Und manchmal auch emotional überfordert.
Hochbegabte Kinder im Kita-Alltag bringen nicht nur außergewöhnliche Stärken mit, sondern manchmal auch besondere Herausforderungen. Rückzug, Wutausbrüche oder soziale Konflikte können ebenso auftreten. Und zwar nicht aus „schlechtem Benehmen“, sondern weil diese Kinder ihre Umwelt intensiver wahrnehmen und oft anders verarbeiten als Gleichaltrige. Auch Schlafprobleme und Unruhe können sich zeigen.
Wie können pädagogische Fachkräfte diesen Herausforderungen begegnen – und was steckt dahinter?
Emotionale Intensität
Hochbegabte Kinder denken oft nicht nur schneller, sondern fühlen auch intensiver. Der polnische Psychologe Kazimierz Dabrowski beschrieb diese besondere Form der Sensibilität als sogenannte „Übererregbarkeiten“ (Overexcitabilities). Diese können sich kognitiv, emotional, psychomotorisch, sensorisch oder imaginativ äußern – und erklären manches Verhalten, das zunächst wie eine „Auffälligkeit“ wirkt. Beispiele für diese Übererregbarkeiten sind:
Emotionale Intensität: Tiefe Gefühle, starke Bindungen, ausgeprägtes Einfühlungsvermögen – aber auch Überforderung durch Konflikte oder Kritik
Psychomotorik: Hoher Bewegungsdrang, Ruhelosigkeit – das birgt die Gefahr einer Verwechslung mit ADHS
Kognitive Wachheit: Intensives Denken, Grübeln, Fragenstellen – durch viele Gedankengänge kann es auch zu Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten kommen
Sensorische Empfindsamkeit: Tendenz zu erhöhter Empfindsamkeit in der Sinneswahrnehmung und damit eine schnellere Überreizung im Gruppenalltag – z.B. gegenüber Lärm, bei taktilen Reizen wie Kleidung, Sand, bei Gerüchen und Geschmacksrichtungen, aber auch bei visuellen Reizen
Wenn der Kita-Alltag zur Herausforderung wird
Einige typische Begleiterscheinungen, die bei hochbegabten Kindern im Alltag beobachtet werden können, sind:
Wutausbrüche und Frustration
Was dahinter steckt:
- Unterforderung, Langeweile
- Perfektionismus – das eigene Ergebnis entspricht nicht der (inneren) Erwartung
- Gefühl des Nicht-Dazugehörens
- Schwierigkeiten, die hohen kognitiven Leistungen emotional zu verarbeiten
Was hilft:
- Verständnisvolles Begleiten statt Sanktionieren
- Benennen von Gefühlen, z. B. „Ich sehe, du bist enttäuscht, weil der Turm umgefallen ist.“
- Lösungsstrategien anbieten: ruhig atmen, sich Unterstützung holen, von vorn beginnen
- Aufgaben geben, die geistig fordern – aber nicht überfordern
Soziale Konflikte und Rückzug
Was dahinter steckt:
- Schwierigkeiten, Anschluss an Gleichaltrige zu finden
- Unterschiedliche Kommunikations- und Spielebenen bzw. Spielinteressen
- Hohes Bedürfnis nach Gerechtigkeit
- Tiefergehende Gedanken
Was hilft:
- Kontakte fördern, v.a. zu älteren oder gleichinteressierten Kindern
- Vermitteln: Konflikte gemeinsam besprechen, Lösungen erarbeiten
- Raum für Rückzug respektieren und geben, diesen nicht gleich als „Störung“ werten
Schlafprobleme und Unruhe
Was dahinter steckt:
- „Nicht abschalten können“, viele Gedanken, Sorgen, Pläne, die emotional noch nicht verarbeitet werden können
- Ängste oder intensive Tageseindrücke
- Sensorische Reize, die den Schlaf stören
Was hilft:
- Rückzugsmöglichkeiten tagsüber schaffen – „Pausen für den Kopf“
- In Absprache mit den Eltern beobachten: Wie ist das Schlafverhalten zuhause?
- Rituale zur Beruhigung (z. B. Hörspiel, Vorlesen, feste Reihenfolge beim Zubettgehen)
Impulse für die pädagogische Praxis
Hochbegabung kann im Alltag fordern. Eine sensible Haltung, gezielte Begleitung und individuelle Förderung helfen, herausforderndes Verhalten zu verstehen und konstruktiv damit umzugehen.
- Verhalten beobachten – nicht bewerten: Auffälliges Verhalten kann Ausdruck innerer Not oder Überforderung sein. Eine aufmerksame, wertfreie Beobachtung unterstützt dabei, Hintergründe zu erkennen und angemessen zu reagieren.
- Emotionale Entwicklung ernst nehmen: Hochbegabte Kinder brauchen nicht nur kognitive Herausforderungen, sondern auch Unterstützung in ihrer Emotionsregulation. Eine feinfühlige Begleitung hilft ihnen, Gefühle einzuordnen und passende Strategien zu entwickeln.
- Herausforderungen dosiert anbieten: Aufgaben sollten fordern, aber nicht frustrieren. Geeignet sind z. B. kleine Forschungsfragen aus dem Alltag, Verantwortungsübernahme oder Projekte, die das Interesse des Kindes aufgreifen und Selbstwirksamkeit stärken.
Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnis
Hochbegabte Kinder erleben die Welt oft „lauter, heller, schneller“. Was sie bereichert, kann sie gleichzeitig belasten. Pädagogische Fachkräfte sind besonders gefordert, hinzusehen, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Denn Wut, Tränen oder Rückzug sind selten einfach Trotz. Sie können auch Ausdruck von Sensibilität, Überforderung als auch Unterforderung sein. Ein geschulter Umgang mit hochbegabten Kindern stärkt nicht nur diese Kinder, sondern auch das Miteinander in der ganzen Gruppe.
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