Hochbegabte Kinder brauchen keine Sonderrolle – aber passende Herausforderungen

Im Kita-Alltag stellt sich immer wieder die Frage, wie individuelle Förderung gelingen kann, ohne einzelne Kinder besonders herauszustellen. Bekommt ein hochbegabtes Kind eine anspruchsvollere Aufgabe, kann schnell der Eindruck entstehen, es werde bevorzugt.

Eine passende Förderung ist jedoch keine Bevorzugung gegenüber anderen. Sie bietet dem Kind vielmehr die Möglichkeit, entsprechend seinem Entwicklungsstand etwas Neues zu entdecken und zu lernen.

Individuelle Förderung ist keine Bevorzugung

Auf unterschiedliche Entwicklungsbedürfnisse einzugehen, gehört zum pädagogischen Alltag. Manche Kinder möchten sich länger mit einer Sache beschäftigen, andere brauchen schnell neue Impulse oder einen anderen Zugang. Ein Kind mit einem deutlichen kognitiven Entwicklungsvorsprung benötigt möglicherweise komplexere Fragestellungen und weiterführende Denkanstöße.

Individuelle Förderung orientiert sich daran, was ein Kind für seinen nächsten Entwicklungsschritt benötigt. Angebote dürfen deshalb unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist, dass jedes Kind darin Möglichkeiten findet, sich weiterzuentwickeln.

Wenn aus Hochbegabung eine feste Rolle wird

Ob eine zusätzliche Herausforderung als Sonderbehandlung wahrgenommen wird, hängt häufig weniger vom Angebot selbst als vom Umgang damit ab. Wird ein Kind regelmäßig als „unser Experte“ bezeichnet, vor der Gruppe für sein Wissen herausgestellt oder selbstverständlich gebeten, anderen etwas zu erklären, kann seine Begabung zu einer festen Rolle werden. Das kann Erwartungen erzeugen: Das Kind soll immer eine Antwort kennen, besonders schnell sein oder anderen helfen. Für Fehler, Unsicherheit und Nichtwissen bleibt dann möglicherweise wenig Raum.

Erzieherinnen und Erzieher können dem entgegenwirken, indem sie konkrete Beobachtungen aufgreifen, ohne das Kind auf seine Fähigkeiten festzulegen. „Du hast dazu schon viele Informationen gesammelt“ würdigt die Beschäftigung mit einem Thema. „Du weißt doch immer alles“ macht daraus dagegen hingegen eine Erwartung.

Gleichbehandlung ist nicht immer die passende Lösung

Dieses leise Anderssein ist für Erwachsene besonders schwer wahrzunehmen. Denn es zeigt sich nicht zwingend in Konflikten, Rückzug oder offensichtlicher Einsamkeit. Manchmal zeigt es sich gerade darin, wie gut ein Kind gelernt hat, sich einzufügen. Umso wichtiger ist es, nicht nur darauf zu achten, ob ein Kind seinen Platz in der Gruppe gefunden hat, sondern auch darauf, wie es sich an diesem Platz fühlt.

Individuelle Förderung bedeutet nicht, ein Kind zu bevorzugen. Sie bedeutet, Angebote so zu gestalten, dass unterschiedliche Kinder passende Zugänge und Herausforderungen finden. Dafür eignen sich besonders offene Angebote, bei denen Kinder verschiedene Rollen übernehmen und eigene Ideen entwickeln können. Bauen, Forschen, Gestalten oder das Erfinden einer Geschichte ermöglichen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, ohne diese ausdrücklich vorzugeben.

Auch Nichtwissen gehört zum Lernen

Passende Herausforderungen geben hochbegabten Kindern Gelegenheit, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sie nicht sofort beantworten können. Sie überlegen, probieren aus, verwerfen Ideen, fragen nach und nehmen Unterstützung an. So erleben sie sich nicht nur als wissend, sondern auch als lernend.

Pädagogische Fachkräfte müssen dabei nicht auf jede ungewöhnliche Frage selbst eine Antwort haben. Ein Satz wie „Das weiß ich auch nicht – wie könnten wir es herausfinden?“ greift die Neugier des Kindes auf und macht sie zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Lernprozesses.

Anspruch entsteht dabei nicht nur durch schwierige Aufgaben. Auch eine offene Frage, ein Experiment mit ungewissem Ausgang oder ein Problem ohne vorgegebenen Lösungsweg kann zum Weiterdenken anregen.

Unterschiedliche Herausforderungen gehören zum Kita-Alltag

Individuelle Angebote fallen weniger als Besonderheit auf, wenn unterschiedliche Materialien, Fragestellungen und Anforderungen selbstverständlich zum pädagogischen Alltag gehören. Nicht alle Kinder müssen zur gleichen Zeit mit demselben Material arbeiten oder am gleichen Entwicklungspunkt stehen.

Auch innerhalb der Gruppe lässt sich vermitteln: Jedes Kind arbeitet an seinem nächsten Schritt. Heute braucht ein Kind Unterstützung, während ein anderes eine zusätzliche Herausforderung erhält. Morgen kann es umgekehrt sein. Eine anspruchsvollere Aufgabe ist deshalb weder Belohnung noch Sonderrecht. Sie ist eine pädagogische Antwort auf den individuellen Entwicklungsstand.

Hochbegabte Kinder individuell und inklusiv fördern

Hochbegabte Kinder benötigen weder eine herausgehobene Stellung noch eine besondere Rolle in der Gruppe. Sie brauchen jedoch Lerngelegenheiten, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen und ihnen ermöglichen, Neues zu entdecken und sich weiterzuentwickeln.

Begabungsgerechte Förderung bedeutet deshalb nicht, ein Kind besonders zu behandeln. Sie bedeutet, seine Fähigkeiten und Bedürfnisse ebenso selbstverständlich zu berücksichtigen wie die der anderen Kinder. So wird individuelle Förderung zu einem Teil des gemeinsamen Kita-Alltags – und trägt zu einer frühen Bildung bei, die jedem Kind passende Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.

Die begabungspädagogische Fortbildung der Kleine Füchse Raule-Stiftung vermittelt Erzieherinnen und Erziehern fundiertes Wissen über frühe Hochbegabung und zeigt praxisnah, wie individuelle und inklusive Förderung im Kita-Alltag gelingen kann.

Hochbegabung in der Kita erkennen

Die Kleine Füchse Raule-Stiftung unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, dieses Wissen aufzubauen. Für die Teilnahme an der begabungspädagogischen Online-Fortbildung kann ein Förderantrag gestellt werden.

Die Kleine Füchse Raule-Stiftung fördert bundesweit die Teilnahme an der dreitägigen Online-Fortbildung zur Begabungspädagogischen Fachkraft. Pädagogische Fachkräfte erhalten dort fundiertes Wissen, differenzierte Beobachtungshilfen und konkrete Ansätze für den Kita-Alltag. Ziel ist es, Verhalten sicher einordnen zu können und Kinder entsprechend ihren individuellen Voraussetzungen gezielt zu begleiten.


Die Fortbildung schließt mit einem Zertifikat ab und wird für bis zu drei Fachkräfte pro Einrichtung unterstützt.

Weitere Informationen finden Sie hier.