
Unruhe, starke Gefühlsreaktionen, schnelle Langeweile oder ein hoher Bewegungsdrang: Viele dieser Verhaltensweisen werden im pädagogischen Alltag schnell mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) in Verbindung gebracht. Gerade weil Verhalten in diesen Situationen mehrdeutig sein kann, lohnt sich ein genauer Blick auf mögliche Hintergründe. Gleichzeitig können die genannten Verhaltensweisen auch Ausdruck einer unerkannten Hochbegabung sein.
Für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte ist diese Unterscheidung entscheidend. Denn eine Fehleinschätzung kann dazu führen, dass Kinder nicht die Unterstützung erhalten, die ihrem Entwicklungsstand entspricht, oder dass Förderimpulse an der tatsächlichen Ursache vorbeigehen.
Warum ADHS und Hochbegabung häufig verwechselt werden
ADHS und Hochbegabung können sich ähneln – und sie können auch gemeinsam auftreten. Daher ist es wichtig, dass pädagogische Fachkräfte mögliche Überschneidungen und Verwechslungsgefahren kennen, um nicht vorschnell in Richtung ADHS zu denken, sondern auch die Möglichkeit einer Hochbegabung in Betracht zu ziehen. Denn wenn sich Beobachtungen fast ausschließlich auf auffälliges Verhalten konzentrieren und kognitive Stärken sowie mögliche Unterforderung nicht systematisch mit betrachtet werden, kann es häufig zu Fehleinschätzungen kommen. Wichtig an dieser Stelle ist, dass pädagogische Fachkräfte keine Diagnosen stellen können und dürfen, es sich hierbei somit lediglich um eine Sensibilisierung für Möglichkeiten, die in Betracht kommen könnten, handelt!
Typische Überschneidungen sind:
- nach außen anscheinende geringe Frustrationstoleranz bei Unterforderung
- starke emotionale Reaktionen
- schnelles Erfassen komplexer Inhalte, aber geringe Ausdauer bei Routinen
- Impulsivität in sozialen Situationen
Ohne eine differenzierte Beobachtung entsteht leicht der Eindruck einer Aufmerksamkeitsstörung, obwohl das Kind möglicherweise vor allem kognitiv unterfordert ist.
Hochbegabung als möglicher Hintergrund von Verhaltensauffälligkeiten
Hochbegabte Kinder denken oft schneller und vernetzter als ihr Umfeld. Wenn Lernangebote nicht zu ihrem Entwicklungsstand passen, reagieren sie nicht selten mit Rückzug, Störung oder Widerstand.
Für Erzieherinnen und Erzieher ist es wichtig zu wissen: Lebhaftes, sensibles, ungeduldiges oder impulsives Verhalten allein erlaubt keine Aussage über Hochbegabung oder ADHS. Erst die Kombination aus Verhalten, Lerninteressen und Entwicklungsverlauf ermöglicht eine fachlich fundierte Einschätzung durch entsprechende Fachpersonen. D.h. bei einem Verdacht in Richtung ADHS darf diese Einschätzung und Diagnostik aufgrund ihrer Komplexität ausschließlich von Kinder- und Jugendpsychiatern oder Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) vorgenommen werden. Eine Intelligenzdiagnostik kann auch in darauf spezialisierten Begabungsinstituten von Psychologinnen und Psychologen durchgeführt werden.
ADHS und Hochbegabung: Fehleinschätzungen vermeiden
Eine vorschnelle diagnostische Einordnung birgt für Kinder erhebliche Risiken, insbesondere dann, wenn sie auf Basis einzelner Verhaltensauffälligkeiten erfolgt und ohne begabungspädagogische Differenzierung bleibt. Wird Hochbegabung übersehen, erleben Kinder häufig:
- wiederholte Misserfolge
- negative Rückmeldungen zu ihrem Verhalten
- ein sinkendes Selbstwertgefühl
Umgekehrt gilt ebenso: Auch hochbegabte Kinder können ADHS haben. Deshalb braucht es keine Entweder-oder-Logik, sondern eine sorgfältige, fachlich begleitete Einordnung durch qualifizierte Fachstellen.
Die Rolle der Kita: früh erkennen, differenziert begleiten
Erzieherinnen und Erzieher spielen eine zentrale Rolle. Sie erleben Kinder täglich in unterschiedlichen Situationen und können wertvolle Beobachtungen einbringen – vorausgesetzt, sie verfügen über begabungspädagogisches Grundlagenwissen.
Eine begabungspädagogische Perspektive unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei,
- Verhaltensauffälligkeiten nicht isoliert zu bewerten
- mögliche Unterforderungen, Interessen und Denkweisen mitzudenken
- Stärken hinter Auffälligkeiten wahrzunehmen
- Eltern sachlich, ruhig und wertschätzend zu begleiten und an Fachstellen weiterzuleiten
So entsteht ein professioneller Umgang mit dem Spannungsfeld ADHS und Hochbegabung. Eine fundierte pädagogische Haltung trägt dazu bei, Fehldiagnosen zu vermeiden, Kinder in ihrem Selbstwert zu stärken und ihre Entwicklungschancen frühzeitig zu sichern.
Hochbegabung früh wahrzunehmen bedeutet, Kinder nicht vorschnell einzuordnen, sondern ihre individuellen Denk- und Lernwege ernst zu nehmen. Das schafft bessere Entwicklungschancen und unterstützt einen inklusiven, begabungsförderlichen Kita-Alltag. Die Kleine Füchse Raule-Stiftung ermöglicht daher bundesweit die Teilnahme von zwei bis drei pädagogischen Fachkräften pro Einrichtung an der Fortbildung zur Begabungspädagogischen Fachkraft. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.